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CIO Insights 3Q2026
Es erstaunt uns seit Langem, wie wenig Beachtung Eventualrisiken in der Finanz- und Anlagewelt finden – abgesehen von der Versicherungsbranche. Wir vermuten, dass die boomenden Aktienmärkte gegenüber bedeutenden Ereignissen, die nicht unmittelbar mit den üblichen makro- und mikroökonomischen Tagesentwicklungen zusammenhängen, eine gewisse Gleichgültigkeit an den Tag legen. Unter Eventualrisiken verstehen wir den möglichen Eintritt seltener Vorkommnisse, die Vermögenspreise erheblich beeinflussen können. Dazu zählen systemrelevante Gefahren wie bewaffnete Konflikte, politische Umwälzungen, Naturkatastrophen und Wetterphänomene, Umweltdegradation, Krankheiten, Stromnetzausfälle und nukleare Zwischenfälle. Dazu gehören auch «moderne» Themen wie Ressourcenknappheit, Missbrauch oder Fehlfunktion von Informationstechnologie sowie Cyber-, hybride und biologische Kriegsführung. Fairerweise sollten Eventualrisiken im Anlagebereich auch positive Ereignisse einschliessen, wie unerwartete wissenschaftliche, technologische und medizinische Durchbrüche, den Abbau von Handelsbarrieren oder das Ende von Kriegen und geopolitischen Konflikten. Als Deep-Value-Manager geben wir jedoch zu, dass wir verhaltensmässig verlustavers sind. Uns beschäftigt mehr, was schiefgehen kann, als was gut gehen könnte.
Es gibt nachvollziehbare Gründe, warum Anlageexperten dazu neigen, Eventualrisiken tendenziell zu unterschätzen oder gänzlich zu ignorieren. Erstens werden sie von manchen Analysten bewusst ausgeklammert, weil sie sich kaum beurteilen lassen und die Einschätzung daher keine brauchbare Antwort liefern könnte. Wie lässt sich beispielsweise ein seltenes Ereignis hinsichtlich Wahrscheinlichkeit, Zeitpunkt und Ausmass quantifizieren? Sind seine Auswirkungen dauerhaft oder vorübergehend? Welche sekundären oder tertiären Auswirkungen könnten sich daraus ergeben, und wie lassen sich diese messen? Und wären unvorhergesehene Ereignisse überhaupt von Bedeutung, wenn die betreffenden Risiken nicht absicherbar wären und alle Vermögenswerte gleichermassen betroffen wären? Zweitens werden sie oft in anderen Risikokategorien zusammengefasst, beispielsweise bei der Schätzung von Länder- und Aktienrisikoprämien. Drittens versichern sich Unternehmen gegen viele Arten von Risiken und haben Force-Majeure-Klauseln in ihren Verträgen, sodass einige unvorhergesehene Ereignisse bereits auf Unternehmensebene abgedeckt sind. Und viertens gibt es ein Prinzipal-Agent-Problem. Angenommen, ich bin ein chronisch pessimistischer Fondsmanager, der überall grosse, nicht diversifizierbare Gefahren lauern sieht. In diesem Fall wären die Diskontsätze, die ich zur Bewertung von Vermögenswerten anwende, so hoch, dass ich niemals lohnende Anlagemöglichkeiten finden würde. Meine Kunden würden sich derweil anderweitig umsehen, um eine angemessene Rendite für ihr Geld zu erzielen.
Eventualrisiken lassen sich daher nur schwer umfassend in den Prozess der Aktienbewertung einbeziehen. Warum sprechen wir das Thema dann überhaupt an? Unser Standpunkt ist, dass schon das blosse Nachdenken über solche Eventualitäten und mögliche Folgen uns im Grunde zu vorsichtigeren Anlegern macht. Es veranlasst uns dazu, dass wir bei der Suche nach Anlagemöglichkeiten besonders selektiv vorgehen und bei der Schätzung der Cashflows und der Diskontsätze konservativ bleiben. Die daraus resultierende Sicherheitsmarge dient zum Teil dazu, die Folgen unbekannter negativer externer Ereignisse abzufedern, die zwangsläufig von Zeit zu Zeit eintreten. Diese grundsätzliche Vorsicht ist ein zentraler Baustein unserer Anlagestrategie, zumal unser Ansatz nie darauf ausgelegt war, sich bei einem breiten Kursrückgang besser zu halten als andere. Zur Erinnerung: Unser seit langem bestehendes strukturelles Engagement in unterbewerteten Titeln aus kapitalintensiven und zyklischen Branchen, in kleinen und mittleren Unternehmen sowie in Schwellenmärkten kann unsere Strategie zeitweise sogar volatiler machen als den Gesamtmarkt.
Wir sind deshalb der Ansicht, dass Eventualrisiken in erster Linie auf der Ebene der strategischen Vermögensaufteilung jedes einzelnen Sparers berücksichtigt werden sollten. Leitprinzip sollte stets der gesunde Menschenverstand sein: über Anlageklassen und unkorrelierte Anlagestile diversifizieren, nicht alles auf hochspekulative Anlagen setzen, das Portfolio regelmässig ausbalancieren, Fremdfinanzierung vermeiden und keine überstürzten oder emotionalen Anlageentscheidungen treffen. Sparer sollten sich zudem überlegen, wie hoch der Anteil von Aktienindexprodukten in ihren Portfolios sein soll. Indexfonds sind Instrumente der Allokation, nicht der Preis- oder Wertfindung. Sie berücksichtigen keine unvorhergesehenen Risiken; dies liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Anlegers.
Was sollte man also besitzen, wenn man Eventualrisiken bei der Geldanlage berücksichtigen möchte? Wir raten nach Möglichkeit eine Vermögensaufteilung mit einer stetigen «Reserve» in Höhe von drei bis fünf Jahren der geschätzten Haushaltsausgaben anzustreben, und zwar in Form von liquiden Mitteln und kurz- bis mittelfristigen Staatsanleihen. Darüber hinaus sind Sparinstrumente mit regelmässigen Auszahlungsprofilen ein hilfreiches Mittel, um Rendite- und Cashflow-Ströme über die Zeit hinweg zu glätten. Unabhängig davon, für welche konkreten Instrumente man sich entscheidet, ist ein solides finanzielles Fundament entscheidend, um schwer vorhersehbare, aber potenziell weitreichende Risikoszenarien zu bewältigen.
Freundliche Grüsse
Themen & Gedanken
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