Abstand gewinnen zum allgemeinen Wachstumsgebot

CIO Insights 2Q2026

Nach manchen Massstäben erstreckt sich der von den USA angeführte langanhaltende Bullenmarkt mittlerweile weit in sein fünftes Jahrzehnt hinein und geht auf den entschlossenen Kampf des Fed-Präsidenten Paul Volcker gegen die Inflation in den frühen 1980er Jahren zurück. Rückblickend hat sich das Eingehen immer grösserer Risiken während des unaufhaltsamen Aufwärtstrends als richtig erwiesen – sofern man sporadische Turbulenzen wie den Crash von 1987, die TMT-Blase Ende der 90er Jahre, die Subprime-Krise 2007/08 oder Covid-19 verkraften konnte. Wir leben somit in einer Zeit, in der man den Druck verspürt – wenn nicht gar eine gewisse Unvermeidbarkeit – in Aktien zu investieren. Sparern aller Altersgruppen wird geraten, ihren Aktienanteil zu erhöhen, um ihren Ruhestand angemessen finanzieren zu können. Privatanleger sind darauf konditioniert worden, bei jedem noch so kleinen Kursrückgang nachzukaufen. Der in allen ausgedehnten Haussephasen typische Rat lautet: «Das einzige Risiko besteht darin, nicht genug investiert zu sein.» Fintechs erleichtern die Umsetzung, indem sie kostengünstige, benutzerfreundliche Apps bereitstellen, mit denen ihre Benutzer handeln können, was und wann immer sie wollen. In der institutionellen Vermögensverwaltung lässt sich unterdessen die weitverbreitete Nutzung bestimmter Anlageinstrumente zu einem grossen Teil auf den langanhaltenden Börsenboom zurückführen. Prominente Beispiele hierfür sind Aktienindexfonds und aktive Aktienfonds mit einem relativen Performanceziel. Noch weitreichender ist, dass der Grossteil der Anlageallokationen von Pensionskassen und anderen langfristigen Sparmodellen üblicherweise in solche Fonds fliesst.

Angesichts der enormen Geldsummen, um die es geht, ist es verständlich, dass die Wertpapierbranche für die Lieblingsaktien der Märkte gewohnheitsmässig rosige Aussichten sieht. Intuitiv ansprechende Wachstumsgeschichten dominieren die meisten Anlageprognosen. Ein aktuelles Beispiel: Die Erzählung rund um künstliche Intelligenz dreht sich in einer ersten Phase um die Schlüsselakteure beim Aufbau der digitalen und physischen Infrastruktur, die für ihre Verbreitung notwendig ist (die «Wegbereiter»). In der zweiten Phase verspricht die KI, neue Wachstumschancen und Produktivitätssteigerungen für all jene zu erschliessen, die bereit sind, sie zu nutzen (die «Profiteure»). Im weiteren Sinne werden diejenigen, die sich nicht schnell und entschlossen genug anpassen, Mühe haben, wettbewerbsfähig zu bleiben (die «Disruptierten»). Diese stark vereinfachte Einteilung in Gewinner und Verlierer kann wiederum dazu führen, dass Entscheidungsträger in Unternehmen voreilig in einen übermässigen «Investieren-für-Wachstum»-Modus verfallen. Dieser kann sie dazu verleiten, die Ausgaben für diskretionäre Investitionen zu erhöhen oder ungeplante Übernahmen zu tätigen, während sie hinsichtlich des erwarteten Ertrags möglicherweise im Dunkeln tappen. Es ist an sich nichts Falsches daran, Wachstum als Werttreiber zu nutzen. Allerdings sollten sowohl Investoren als auch Unternehmensleiter stets die Plausibilität rational einschätzen und die Auswirkungen gründlich durchdenken, bevor sie weiter voranschreiten.

Wir sind davon überzeugt, dass Value-Investing, wie wir es praktizieren, einen konkreten Ansatz für Anleger darstellt, die die überwältigende Wachstumsorientierung in den meisten Meinungen und Empfehlungen ausgleichen möchten. Erstens geht es bei uns nicht um relative Renditen. Unser Fokus auf langfristige absolute Renditen befreit uns von der Fessel, implizit jederzeit zu allem eine Meinung haben zu müssen. Wir können abwarten, bis sich die richtige Anlagechance ergibt, unabhängig davon, wie sich der Aktienmarkt entwickelt. Zweitens halten wir uns strikt an die Disziplin der Sicherheitsmarge. Das bewahrt uns davor, den häufigen Fehler zu begehen, für Wachstum zu viel zu bezahlen. Drittens suchen wir nach Hebeln, mit denen sich Unternehmenswert unabhängig vom Wachstum freisetzen lässt. So halten wir beispielsweise Ausschau nach Schnäppchen im Zusammenhang mit Unternehmenskonsolidierungen oder -umstrukturierungen, Kosten- und Kapitaleffizienz, Optimierungen der Kapitalstruktur oder der Identifizierung einer besseren und gewinnbringenderen Nutzung von Vermögenswerten (z. B. Umnutzung von Grundstücken). Viertens zögern wir nicht, in Branchen zu investieren, die wir als wachstumsarm oder wachstumsfrei einschätzen, vorausgesetzt, die betreffenden Unternehmen können weiterhin attraktive freie Cashflows erwirtschaften. Und fünftens sind wir als konträre Anleger eher vorsichtig gegenüber Branchen oder Anlageparadigmen, in denen sich Unternehmen gezwungen sehen, grosse neue Projekte in unerprobten Industrien und Technologien zu finanzieren oder M&A-Deals zu prüfen, nur um mit den Aktivitäten der Konkurrenz Schritt zu halten. Wir konzentrieren uns auf Situationen, in denen Unternehmen den Spielraum haben, Investitionen freiwillig und antizyklisch zu tätigen.

Auch wenn sich der scheinbar unaufhaltsame langfristige Aufwärtstrend an den Aktienmärkten fortsetzt, bleiben wir unserer Philosophie des geduldigen Schnäppchenjagens treu. Wir suchen beharrlich nach Aktien, die zu Unrecht ins Hintertreffen geraten sind. Die Werttreiber, die wir bei unseren Anlagen identifizieren, können, müssen aber nicht unbedingt mit Wachstum einhergehen. Wir weigern uns, «widerwillige Bullen» zu werden, die glauben, keine andere Wahl zu haben, als mitzuspielen, und betrachten es als ein Privileg, kritische statt angepasste Anleger zu sein.

Freundliche Grüsse

Gregor Trachsel

Chief Investment Officer SG Value Partners AG