An den Aktienmärkten wächst die Besorgnis über die disruptiven Auswirkungen, die künstliche Intelligenz – insbesondere in ihrer agentenbasierten Form – auf Unternehmen in Branchen haben wird, die von Software-als-Service (SaaS) und verschiedenen professionellen Dienstleistungen (z. B. Buchhaltung, Beratung, Marketing, Bildung, Kundeninteraktion oder Logistik) bis hin zu Finanzdienstleistern wie Fintechs, Ratingagenturen, Kreditkartenabwicklern und traditionellen Akteuren im Bank- und Vermögensverwaltungsbereich reichen. Eine pauschale Einschätzung der Auswirkungen ist unangebracht. Vielmehr muss jedes Unternehmen und jeder Analyst, der sich damit befasst, sich selbst ein eigenes Bild davon machen, wie anfällig ein bestimmtes Geschäftsmodell ist und wie es entsprechend angepasst werden sollte. Diese Unsicherheit ist für uns von grossem Interesse. Insbesondere bei ausgewählten Dienstleistungsunternehmen, die über gefestigte Wettbewerbspositionen und eine hohe Kundenbindung verfügen, sehen wir das Potenzial für eine Überreaktion des Marktes.
Zunächst müssen wir uns jedoch mit unserem eigenen Geschäft auseinandersetzen: Wird uns die KI überflüssig machen? Letztendlich sind es unsere Kunden, die beurteilen, wie relevant unsere Anlagestrategie für sie im Rahmen ihrer gesamten Vermögensallokation ist. Aus unserer Sicht sind wir davon überzeugt, dass die breite Kommerzialisierung der KI aus zwei entscheidenden Gründen einen Netto-Vorteil für unser Anlageprogramm darstellt. Der erste Grund hängt damit zusammen, was KI für uns leisten kann, und der zweite damit, wie sie dazu beiträgt, unseren konträren Ansatz gegenüber anderen, konventionelleren Strategien weiter abzugrenzen.
Zunächst wollen wir beleuchten, wie es uns gelingt, KI produktiv einzusetzen. Zum einen sorgt sie dafür, dass wir unsere täglichen Prozesse effizienter gestalten können. Viele Datenverarbeitungsaufgaben und Analysen wurden bisher mit separaten Tools auf unterschiedlichen Plattformen abgewickelt. Agentenbasierte KI erleichtert und verbessert nun deren Interoperabilität, was zu insgesamt besseren Informationsergebnissen führt und gleichzeitig den Bedarf an manuellen Eingaben erheblich reduziert. Zum anderen wird auch unser Anlageanalyseprozess effizienter. Relevante, aber grundlegende Due-Diligence-Informationen zu Unternehmenskennzahlen, Wettbewerbsvergleichen, Stärken und Schwächen, Risiken und Chancen sowie makroökonomischen Sensitivitäten lassen sich in einer KI-Umgebung viel schneller herausfiltern als zuvor. Beide Faktoren setzen wertvolle Zeit und Ressourcen frei, die wir wieder für unsere eigentliche Aufgabe einsetzen können: die strategischen Eigenschaften und Aussichten einzelner Unternehmen abzuwägen, ihnen einen Wert zuzuweisen, die Portfolios zu verwalten und mit Kunden zu interagieren.
Betrachten wir nun die Schwächen der KI und wie uns diese auf unerwartete Weise dabei helfen, unser Produktangebot weiter zu differenzieren. Einfach ausgedrückt: KI kann die menschliche Denkarbeit nicht ersetzen, die notwendig ist, um zu beurteilen, ob wir eine Aktie kaufen und dann über einen langen Zeitraum halten wollen. Konkret fehlt der KI die Fähigkeit, uns dabei zu helfen, ein fundiertes Anlageargument zu entwickeln, das auf einer divergenten Sichtweise auf ein Unternehmen und damit dessen künftiger finanzieller Entwicklung basiert – im Gegensatz zu der vom Markt implizierten. Zur Erinnerung: Wir sind überzeugte Contrarian-Investoren, die nach dem Missverstandenen, dem Eigenwilligen und dem Unbequemen suchen. Ein wesentlicher Bestandteil der Strategie eines konträren Anlegers besteht darin, nach unerwarteten Verbesserungen der Geschäftsbedingungen und einer letztendlichen Erholung von zuvor beobachteten negativen Ertragstrends Ausschau zu halten. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass KI, zumindest in Form sogenannter grosser Sprachmodelle (LLMs), auf einem Trend basierten, linearen „Schlussfolgerungsprozess“ basiert. Sie neigt dazu, Vorhersagen zu treffen, die weitgehend mit dem übereinstimmen, was eine konventionelle, konsensbasierte Analyse ergeben würde. Daraus folgt, dass KI Schwierigkeiten bekundet, mit nichtlinearen Systemen umzugehen, in denen ein wirtschaftliches Muster von kürzlich beobachteten Normen abzuweichen beginnt (wie es beispielsweise bei Unternehmenssanierungen oder am Tiefpunkt von Konjunkturzyklen der Fall ist).
Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass die Funktionsweise der KI und ihre allgegenwärtige Verfügbarkeit in der Vermögensverwaltungsbranche dazu führen, dass künftige Anlageentscheidungen noch einheitlicher ausfallen werden. Wenn alle Akteure die gleichen Annahmen und Eingabedaten für ihre KI-gesteuerten Algorithmen verwenden, werden noch weniger vom Konsens abweichende Ansichten übrigbleiben. Dies dürfte wiederum dazu führen, dass einzelne Unternehmen vom Markt zunehmend falsch bewertet werden, was uns neue Chancen eröffnet.
Somit sollte KI unserem Unternehmen sowohl bewusst als auch unbewusst zugutekommen. Vor allem aber sehen wir die Zukunft als von KI ermöglicht und nicht als von KI diktiert. Das bedeutet, dass wir entschlossen sind, KI zu unseren Gunsten zu nutzen und von ihren Vor- und Nachteilen zu profitieren, ohne uns von ihr versklaven zu lassen.
Freundliche Grüsse
Gregor Trachsel
Chief Investment Officer SG Value Partners AG